Worte und Gedanken | SWR3

Führungskraft

9.2.2019 | 8.00 Uhr | 1:43 min

Verfügbar bis: 4.2.2020, 8.00

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Martin Wolf, katholische Kirche: Was Chefs vom guten Hirten lernen könnten. (Verkündigungssendung) Wir haben uns lange nicht gesehen. Als ich die frühere Kollegin treffe, erzählt sie mir nach wenigen Sätzen, dass sie darüber nachdenkt den Job zu wechseln. „Dieses Klima im Betrieb“, sagt sie mir, „es schnürt mir die Luft ab. Ich verliere den Spaß an der Arbeit.“ Einen neuen Chef haben sie bekommen. Jung, erfolgsorientiert. Der will nun manches verändern. Das stört sie auch gar nicht. Aber seither herrscht auch ein Klima ständiger Unsicherheit. Wie ein Gift, dass sich langsam in die Herzen und Hirne der Kolleginnen und Kollegen frisst, sagt sie. Sie weiß nicht, ob sie noch offen sagen kann, was sie denkt. Den Kollegen von nebenan noch trauen kann. Und waren da nicht diese seltsamen Andeutungen beim letzten Meeting, die sie nicht deuten konnte? Und so frisst sich das Gift des Misstrauens und der Unsicherheit weiter hinein in die Herzen und Hirne. Ich weiß, dass meine frühere Kollegin kein Einzelfall ist. Dass Machtgehabe und kurzfristige Erfolge oft wichtiger sind als zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht nur im Wirtschaftsleben. Es geschieht überall, wo Menschen Macht über andere Menschen haben. Das biblische Bild vom guten Hirten kommt mir in den Sinn, als sie mir ihre Geschichte erzählt. Das ist ja einer, der seine Herde genau kennt und dem das Wohl jedes einzelnen Schafs am Herzen liegt. Wird es krank und lustlos, dann ist das auch ein Verlust für ihn. Er ist einer, auf den die Schafe sich absolut verlassen können. Einer, für den seine Schafe nicht nur Kostenstellen oder „Humankapital“ sind. Und er ist der, der sich entschlossen vor seine Herde stellt, wenn es mal brenzlig werden sollte. Eine Top-Führungskraft also, dieser gute Hirte. Von denen bräuchten wir viel mehr, denke ich, in Firmen, Behörden und in den Kirchen.